Aus der Kampf

26.05.2005

Der Tränenpalast meldet Insolvenz an, die Veranstaltungen laufen weiter

Birgit Walter

Den Tränenpalast wird es bald nicht mehr geben, nur noch den Kasten, der einmal so geheißen hat. Den Namen will Marcus Herold, Gründer und Betreiber der Kulturveranstaltungs GmbH, hier nicht zurücklassen. Am 23. Mai hat er im Amtsgericht Charlottenburg Insolvenz angemeldet. Damit scheitert nicht nur ein privater Kulturveranstalter, damit setzt sich zugleich die kulturfeindliche Politik des Berliner Senats durch.

Marcus Herold betreibt den Tränenpalast seit 1991. Er hat ein ruinöses vermülltes Gebäude mit eingeschlagenen Fenstern vor Vandalismus und Abriss bewahrt, als Veranstaltungsplatz aufgebaut und ihn unter Denkmalschutz stellen lassen. diese Arbeit hätte er gern weiter gemacht, stattdessen häufte er zuletzt Schulden, resigniert nun und gibt den endlosen, zählen und aussichtslosen Kampf mit dem Land Berlin um den Ort verloren.

Aber ist Berlin tatsächlich beteiligt, wenn ein privater Veranstalter zahlungsunfähig wird, oder hat dieser einfach nur falsch gewirtschaftet? Inwieweit Berlin diese Insolvenz mit zu verantworten hat, lässt sich an den Vorgängen der letzten vier Jahre ermessen. Damals hat Berlin ein Grundstück zwischen Friedrichstraße und Spree an den Großinvestor Harm Müller-Spreer verkauft und dabei grobe Fehler gemacht hat, nämlich ein Stück Land verkauft, das ihm nicht gehörte. Im letzten Jahr dann, als der Fehler richtig teuer geworden war und Schadenersatzforderungen von 45 Millionen Euro im Raum standen, handelte Berlin.

Als Entschädigung erstattete es dem Investor die Hälfte des Kaufpreises von 8,7 Millionen Euro und schenke ihm die angrenzenden Grundstücke. Das nur zur Veranschaulichung, um welche Summen es hier ging. Der Investor wünschte sich zur Komplettierung seines Grundstückes noch den Tränenpalast. Die Kulturveranstalter aber wollen ihn selbst kaufen, und sie wollten einen günstigeren Preis, als der Großinvestor. Weil sie jahrelang dessen Baulärm und Dreck zu ertragen haben würden, weil sie selbst schon rund eine Million Euro in das Denkmal investiert haben, weil Berlin immer angibt mit seiner unsubventionierten Kultur, hatten sie einen Kulturpreis im Sinn - die Hälfte von 915.000 Euro. Berlin blieb eisenhart, Berlin wollte nur eins - seinem Investor weiter zu Diensten sein. Es verschwendete zweistellige Millionenbeträge beim Grundstücksverkauf und beim Tempodrombau, aber ein halbe Million für den Tränenpalast war nicht drin.

Immerhin war Herold vom Land damals noch ein langjähriger Mietvertrag versprochen, an den müsse sich schließlich auch der neue Investor halten, hieß es. Aber in diesem Monat, als Finanzsenator Thilo Sarrazin im Parlament darauf angesprochen wurde, wollte er von der Zusage seiner Verwaltung nichts mehr wissen. Herold sollte nun also von dem neuen Besitzer mieten, der jede Bedingung diktieren kann.

Die Tränenpalast-Betreiber haben viele Stürme überstanden. Die endlosen Bauarbeiten am Bahnhof, überhöhte Mieten, die Konkurrenz subventionierter Veranstalter wie der Kulturbrauerei, der Ufa-Fabrik oder des Jazz-Festes. Aber erst die letzten Jahre haben sie dann zermürbt. 25 von 40 Stunden die Woche, schätzt Herold, hätten er und sein Verwaltungschef mit Grundstücksverträgen statt mit Veranstaltungen zugebracht. Die Anwaltskosten waren nicht kalkuliert.

Es gab auch vermeidbare Fehler. Entscheidend aber war, dass wichtige Partner, die im Tränenpalast einsteigen wollten, wegen der unsicheren Zukunft absagten. Aus demselben Grund scheiterten Kooperationsverträge, Tourneegeschäfte, alle langfristigen Termine. Berlin hat seinen Kulturveranstalter behandelt wie einen Wegelagerer, so etwas ist nicht geschäftsfördernd.

Mit dem Tränenpalast verlieren auch 30 Mitarbeiter und acht Lehrlinge ihren Job. Bis August laufen die Veranstaltungen zunächst weiter wie geplant, auch die Elvis Ausstellung wird am 9. Juni eröffnet. Danach ist Schluss, wenn nicht ein Wunder geschieht.

Berliner Zeitung vom  26.05.2005

 

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