Die Glashütte Döbern ist pleite / Das Gros der Belegschaft sitzt zu Hause / Mancher kennt das bereits

GLAS: Warten auf einen Anruf

DÖBERN - Stefan Fabian geht in der warmen Frühlingssonne spazieren. Zu Hause fällt dem gelernten Verfahrenstechniker für Glastechnik die Decke auf den Kopf. Seit gestern ist der 24-jährige ebenso wie rund 100 seiner Kollegen von der Lausitzer Glashütte AG Döbern (Spree-Neiße) freigestellt. In dem Lausitzer Traditionsunternehmen, das im vergangenen Februar zum dritten Mal seit der Wende pleite gegangen war, musste der Insolvenzverwalter am Montag nach einer Betriebsversammlung bis auf 27 Glasmacher alle Beschäftigten bis auf weiteres nach Hause schicken.

"Nach der Betriebsversammlung ist die Stimmung natürlich noch mieser als nach dem Großbrand vor zwei Jahren", sagt er der MAZ. Doch Fabian kennt das schon. Mit seinem "Spannemann" Lutz Urbank, mit der er seit drei Jahren eine sogenannte Werkstelle direkt am Schmelzofen gebildet hat, wurde er 2006 schon einmal so Hals über Kopf nach Hause geschickt. Damals waren weite Teile der Produktionsanlage zerstört worden. "Das ist furchbar, wenn man plötzlich so über Nacht ohne Arbeit dasteht", sagt Fabian.

"Das ist für uns wie ein Tiefschlag beim Boxen - direkt in die Magengrube", stöhnt sein Kompagnon, der 46-jährige Glasmacher Lutz Urbank. Noch vor einigen Wochen hat das Zweier-Team täglich etwa 250 Tortenböden direkt aus der rund 1450 Grad Celsius warmen Schmelze bearbeitet. "Etwa 220 davon waren fast immer erste Wahl und konnten direkt in den Export gehen", so Fabian.

Vor einem Jahr gehörten die beiden Glasmacher aus Döbern bei der feierlichen Wiederaufnahme der Produktion von Bleikristall mit zu denjenigen, die ihre Namen auf eine große Tafel in der Hütte setzten. Sie seien dabei, versicherten sie vor versammelter Mannschaft, darunter auch Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghans (CDU) und der Vorstandschef Siegfried Zabel. Der Schmelzofen glühte wieder wie in alten Zeiten und alle brannten darauf, die einzige Bleiglashütte im Osten nach dem schweren Schicksalsschlag wieder an die Weltspitze zu bringen.

An den Neubeginn nach der großen Brandkatastrophe können sich Fabian und Urbank noch genau erinnern. Wochenlang hatten sie auf einen Anruf ihres Abteilungsleiters Jürgen Koinzer gewartet. Anfang Februar 2007 war es dann soweit. Beide gehörten mit zu den 57 Glasmachern, die wieder am Ofen arbeiten durften. "Damals habe ich die Leute angerufen und ihnen die glückliche Botschaft überbracht", sagt der 47-jährige Koinzer. Jetzt wartet der gelernte Fahrzeugschlosser, der 1983 zur Glashütte kam, selbst auf so einen Anruf.

Glastechniker Fabian glaubt, dass sich das Warten auch diesmal lohnt. Trotz des gestern eröffneten Insolvenzverfahrens über das Vermögen der Lausitzer Glashütte AG Döbern ist er, wie viele seiner Kollegen, optimistisch. "Unsere Hütte ist noch lange nicht tot", sagt er. Eine reelle Chance, dass es weitergeht, bestehe noch.

So sieht das auch der vom Amtsgericht Cottbus eingesetzte Insolvenzverwalter Rüdiger Wienberg aus Berlin. "Wir konzentrieren unsere Tätigkeit derzeit auf die Suche nach Investoren", sagte er gestern der MAZ. An die 50 potenzielle Investoren seien bislang angesprochen worden. Drei davon hätten ernsthaftes Interesse signalisiert. Schon in den kommenden Tagen würden erste Gespräche geführt. "Sollte allerdings bis Ende April kein Investor gefunden sein, dann sind die Arbeitsplätze der 130 Beschäftigten gefährdet", räumt Wienberg ein. Vorsorglich war deshalb die Glaswanne in Döbern bereits am 13. März kontrolliert "abgeblasen" und die Produktion von frischem Glas eingestellt worden - aus Kostengründen, wie Wienberg erläutert.

Die im Unternehmen verbliebenen 27 Beschäftigten arbeiten gegenwärtig die umfangreichen Restbestände auf und machen sie verkaufsfertig. Vielleicht schon ein erster Schritt für einen Neuanfang meint ein Sprecher des Insolvenzverwalters. Das ökonomische Problem in Döbern seien weder die Bleiglasprodukte noch die Beschäftigten. Auch die Technik in der Hütte sei auf dem Stand, um moderne Produkte herzustellen. Die Ursache für das Desaster sei vielmehr das Vertriebssystem. Man könne nicht ständig arbeiten und immer etwas auf einen großen Haufen legen. Irgendwann ginge so etwas schief. Auch die Leute hätten mitgekriegt, dass es so nicht weitergehen könne.

Insolvenzverwalter Rüdiger Wienberg ist daher zuversichtlich, die 140-jährige Glashütte erhalten zu können. Er hat übrigens schon vielen insolventen Firmen auf die Sprünge geholfen. Auch für Stefan Fabian, Lutz Urbank, Jürgen Koinzer und die anderen Döberner Glasmacher ist das ein gutes Omen. Sie warten daher weiter auf einen Anruf. (Von Beowulf Kayser)

EIN STANDORT MIT LANGER TRADITION:

  • Seit rund 140 Jahren wird in Döbern Kristallglas hergestellt. 1867 bauten die Gebrüder Hirsch die erste Glashütte am Standort.
  • Im Jahr 1948 wurde die Glashütte Döbern ein volkseigener Betrieb und gehörte bis 1990 mit zwei weiteren Unternehmen zum DDR-Kombinat "Lausitzer Glas".
  • 1992 wurde der Betrieb an die Ullmann-Gruppe aus Oberursel (Hessen) verkauft, die zwei Jahre später Insolvenz anmeldete.
  • Mit einem neuen Gesellschafter und als Glashütte Döbern GmbH folgte im Jahr 2001 die nächste Insolvenz. Das Unternehmen wurde von der russischen GUS-Kristall übernommen und an den Rand einer Insolvenz geführt.
  • Der Sanierer der Sprela-Werke in Spremberg (Spree-Neiße), Siegfried Zabel, übernahm 2004 dann 75,2 Prozent der Gesellschafteranteile und führte das Unternehmen als Lausitzer Glashütte AG Döbern in schwarze Zahlen.
  • Ein Großbrand zerstörte 2006 große Teile des Werkes. Erst nach umfangreichen Sanierungsarbeiten nahm das Unternehmen im März 2007 wieder die Produktion auf.
  • Einen Insolvenzantrag stellte die Lausitzer Glashütte AG im Februar 2008, Grund waren Liquiditätsprobleme. 100 der 130 Beschäftigten wurden am 31. März von der Arbeit freigestellt. Der Insolvenzverwalter sucht nach Investoren. Mit drei Interessenten werden in den nächsten Tagen Gespräche geführt. Gelingt bis Ende April keine Lösung, müssen die Beschäftigten entlassen werden.

Märkische Allgemeine vom 02.04.2008

 

 

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